Viele Bankkunden kommen damit tatsächlich auch nie in Berührung. Dabei sind beispielsweise Überweisungen von in der EU lebenden Nicht-EU-Bürgern in ihre Herkunfts- und Heimatländer, sehr rapide gewachsen und bewegen sich in der Summe des übermittelten Geldes längst weit im Milliardenbereich, auch wenn die einzelne Transaktion zumeist nur wenige hundert Euro umfasst.
Viele Nicht-EU-Bürger, die hier leben, unterstützen mit dem Geld, das sie hier verdienen, ihre Familien in ihren Herkunfts- und Heimatländern. Diese Unterstützung ist nicht nur für die Familien hilfreich und teilweise überlebenswichtig, sondern stellt in einigen der Empfängerländern auch einen nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor dar. Deutschland ist dabei eines der größten Senderländer mit bedeutenden Korridoren unter anderem in Richtung Osteuropa, Asien und Afrika.
Beispielsweise hat die Zahl der Überweisungen von in Deutschland lebenden Filipinos in die Philippinen in den letzten Jahren erheblich zugenommen und bewegt sich mittlerweile im Bereich von mehreren hundert Millionen Euro im Jahr. Weltweit sind es nach Angaben der philippinischen Nationalbank rund 36 Milliarden US-Dollar Cash Remittances (2025), die in die Philippinen geflossen sind. Das entspricht einem hohen einstelligen Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts.
Dabei standen Sender und Empfänger dieser Remittances lange vor großen Herausforderungen. Auslandsüberweisungen waren langsam und teuer. Es dauerte oft mehrere Tage, bis das Geld dort ankam, wo es dringend benötigt wurde, und die ohnehin häufig eher kleinen Beträgen wurden durch Gebühren und Wechselkurse noch zusätzlich deutlich reduziert. Zudem gab es infrastrukturelle Probleme, etwa dadurch verursacht, dass Sender oder Empfänger kein Bankkonto hatten, und Ein- und Auszahlungen deshalb in Bargeld erfolgen mussten.
Abgewickelt wurden diese Transfers zumeist von spezialisierten Anbietern. Für die Sender bedeutete dies häufig, am Monatsende nach Lohnzahlung vor den Filialen dieser Anbieter Schlange zu stehen. Für die Empfänger, gerade in ländlichen Gebieten, war der Weg zur nächsten Auszahlungsstelle oft sehr weit weg. Alles in allem kein besonders komfortabler und effizienter Prozess für eine wertvolle und unter Umständen existenzsichernde Sache.
Mittlerweile kommen wir aber in einer neuen Ära der Remittances an, die sich immer stärker zugunsten derer entwickelt, die auf diese Zahlungen dringend angewiesen sind. Dynamische Marktkräfte und neue Technologien haben den Zahlungsverkehr in den letzten Jahren drastisch verändert, und diese Veränderung erreichen nun auch den Remittances-Markt.
Einige der sogenannten Neobanken haben bereits sehr frühzeitig auf ein attraktives Produkt für schnelle Auslandszahlungen mit niedrigen und transparenten Gebühren und Wechselkursen gesetzt. Dabei haben sie u.a. auch Alternativen zum herkömmlichen Korrespondenzbanken-Netz etabliert und die Zahl der eingebundenen Agenten reduziert. Gleichzeitig greifen Anbieter immer stärker auf die mittlerweile weitverbreiteten Instant Payment Strukturen in den jeweiligen Ländern zurück, so dass der eigentliche grenzüberscheitende Transfer in zwei lokale Teilschritte aufgesplittet werden kann.
Andere Finanzinstitute haben auf diese neue Konkurrenz reagiert, und versuchen nun ebenfalls, Remittances schneller und kostengünstiger anzubieten. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Ansätze, teilweise weiterhin über SWIFT und Korrespondenzbanken, und gehen dazu ggf. strategische Kooperationen ein. So lässt sich beobachten, dass regional orientierte Banken mit einem starken Retail-Sektor Partnerschaften mit global aufgestellten Instituten eingehen, um deren skalierbare Paymentplattformen zu nutzen. Auf diese Weise können sie ihren eigenen Retail-Kunden ein attraktives Remittance-Produkt anbieten.
Hier kommt für Banken aber die Crux an der Geschichte: Das alles hat Implikationen für das Geschäftsmodell, denn es ist dabei durchaus klar, dass preiswerte Remittances die Zahlungsverkehrs- und F/X-Erträge der Banken reduzieren. Das müssen Banken jedoch in Kauf nehmen, wenn sie ihre Kunden nicht verlieren wollen. Früher hieß es oft: Wer das Konto für den Kunden führt, hat dessen Zahlungsverkehr. Für den Remittance-Markt gilt jedoch zunehmend das Gegenteil. Die neuen Anbieter haben bewiesen: Wer den Zahlungsverkehr hat, hat das Konto und damit den Kunden.
Aber nicht nur die Retail- und Geschäftsbanken müssen sich in Bezug auf die Remittances neu erfinden. Auch die zuvor erwähnten Institute, die sich von jeher auf die Abwicklung von Remittances über ihr stationäres Filialnetz spezialisiert haben, sehen sich auf ihrem ureigenen Terrain nun der neuen Konkurrenz gegenüber und reagieren darauf mit einer Modernisierung ihrer Produktpalette. Die stationären Filialen weichen zunehmend einem digitalisierten Zu- und Ausgang, unter anderem durch Smartphones und Apps.
Und insbesondere das Thema Stablecoins rückt für Remittances immer mehr in den Vordergrund. Mit Stablecoins könnten Transfers schnell, kostengünstig und rund um die Uhr von digitalem Wallet zu digitalem Wallet zwischen Sender- und Empfängerland bewegt werden. Das wiederum entdecken gerade aber auch ganz andere Zahlungsverkehrsanbieter als Potenzial. So sehen wir beispielsweise Allianzen oder gar Übernahmen zwischen Kreditkartenunternehmen, Fintechs und Stablecoin-Emittenten. Allerdings gibt es für den breitflächigen Einsatz von Stablecoins im Remittance-Sektor meines Erachtens zunächst noch einiges aus regulatorischer und makroökonomischer Sicht zu klären. Doch das Potenzial ist unbestreitbar groß.
Aber auch was bestehende Infrastrukturen anbelangt, kann von Stillstand keine Rede sein. Es gibt eine Reihe von Allianzen und Initiativen von Infrastrukturbetreibern, die darauf abzielen, globale Transfers – auch für kleinere Beträge – attraktiver zu machen. Unter anderem zielt man dabei auf eine verbesserte Vernetzung der jeweiligen Instant-Payment-Systeme ab, etwa zwischen Europa und asiatischen Länder. Technologisch ist dabei schon jetzt vieles machbar, aber es muss eben in geordneten Bahnen verlaufen. Dabei muss auch sichergestellt werden, dass neue Verfahren nicht zum Einfallstor für diejenigen werden, die damit nichts Gutes im Schilde führen.
Wie ich sehe, haben viele in der Branche das Thema Remittances nun zurecht für sich entdeckt. Diejenigen Finanzdienstleister, die das noch nicht getan haben, sind meines Erachtens gut beraten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich mit den neuen Möglichkeiten vertraut zu machen und diese dann technisch, aber vor allem auch in ihrem Geschäftsmodell rund um Konto und Zahlungsverkehr zu integrieren bzw. dieses sogar anzupassen.
Aber es gilt auch, Vertrauen bei den Remittance-Sendern und -Empfängern zu schaffen. Vertrauen in die neuen Wege und Verfahren. Die Dienstleister sollten sich immer vor Augen führen, dass es sich für diese Sender und Empfänger um viel Geld handelt. Hier überzeugende Argumente zu liefern, dass das Geld nicht nur schnell und kostengünstig dort ankommt, wo es ankommen soll, sondern eben auch sicher, kann den entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Die Technik hilft zwar, aber dieses Vertrauen zu schaffen, ist ein wichtiger menschlicher Faktor auf einem Feld, auf dem es um Menschen geht, und wird am Ende wesentlich für die Kundenbindung sein.
Es ist ein spannender Markt für dieses Produkt, das lange ein Schattendasein geführt hat, geworden. Und nicht alle Anbieter und Verfahren werden sich durchsetzen. Letztendlich werden Konkurrenz und Vielfalt jedoch zum Nutzen derjenigen sein, für die diese Transfers so eminent wichtig sind. Und damit auch für die Finanzdienstleister, die ihren Kunden ein attraktives Remittance-Produkt anbieten können – schnell, kostengünstig, sicher.

Carsten Gross ist Leading Consultant bei der syracom AG und verantwortet als Produktmanager den Zahlungsverkehr und das Liquiditätsmanagement. Seit über 25 Jahren begleitet er Finanzinstitute bei Transformations- und Produktentwicklungsprojekten im In- und Ausland. Sein Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Fachlichkeit, Technologie und regulatorischen Anforderungen, um Finanzinstitute zukunftssicher aufzustellen.
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